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Der Schaffende und das Geschaffne

Vollendet war das Werk. - Der Meister stand,
den Blick der Gruppe prüfend zugewandt.
Der Schüler ihm zur Seite war entzückt:
"Nie Meister, ist die ein Gebild geglückt
wie dieses Menschenpaar aus edlem Stein.
Mit deiner Schöpfung sollst Du selig sein!" -
Der Meister schwieg. Sein Auge schweifte nach
dem rohen Block, wie man vom Berg ihn brach.
Da stand das anbehaune Stück Natur,
und liebend seine Hand darüberfuhr. -
Und er begann: "Es ist wie ein Glockenton,
was mich zur Arbeit ruft; das Lied mein Lohn,
das mich fürs Werk beschwingt. Es reisst mich hin,
wie Vögel richtig in die Ferne ziehn.
Musik entströmt mir, Ton wie Tekt geht ein
in das Gebilde und beseelt den Stein.
Bin i c h ein Rufer, Widerhall ist e r.-
Vollendet aber keine Stimme mehr
wird laut in mir - leer bin ich, stumm, verwaist:
Nur Lärm um mich, der Werk und Schöpfer preist.
Mein Herz erfreute nur der helle Klang,
solang am weissen Stein der Miessel sang. -
Im ungefügten Fels hier webt ein Traum.
Der will aus Wirrnis zu geformten Raum.
Schon ruft die Stimme seiner Sehnsucht schrill;
aus seiner Haft ich ihn erlösen will.
Dem Notschrei soll ein Jubel sich entringen! -
Gib, Schüler, mir den Meissel! - Hör ihn singen!"

Willy Wirth